Klimawandel im Portfoliomanagement

Thomas Kurtz,  (ehemaliger, Stand 01. Juli 2020) Geschäftsführer Portfoliomanagement, im Gespräch zu nachhaltigem Investieren, der Integration von ESG-Kriterien und der klimaneutralen Kapitalanlage.

Herr Kurtz, wie sind wir zum Thema Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage gekommen?

Die Nachhaltigkeit gehört zum Geschäftsmodell einer Versicherung. Nur wer seine Versicherungsversprechen nachhaltig einhält, kann erfolgreich sein. Entsprechend gehört dieses Gebot auch zu unserer Kapitalanlage, und zwar seit Gründung von Munich Re vor mehr als 130 Jahren. Die gegenwärtige Professionalisierung in diesem Bereich mit Blick auf die aktuelle Diskussion fängt mit einem ersten Forschungsbericht von Munich Re zu den Folgen des Klimawandels 1973 an und der Mitwirkung und Unterzeichnung von Munich Re der Principles of Responsible Investment Guidelines 2006.

Was hat dem nachhaltigen Investieren in der aktuellen Diskussion zum Durchbruch verholfen?

Noch vor rund zehn Jahren war das Grundmotiv die Schaffung eines Bewusstseins für das Thema in der breiten Investment-Community – für uns eine Selbstverständlichkeit und auch eine Herzensangelegenheit. „Vom Wissen zum Handeln“ – dieser Leitspruch der Münchener Rück Stiftung beschreibt unser Motiv als Gruppe sehr gut, aktiv zu werden und Verantwortung zu übernehmen, in dem wir auch andere von der Vorteilhaftigkeit nachhaltigen Investierens überzeugen. Heute ist das Thema in der Masse der Investoren angekommen, die systematische Integration von ökologischen, sozialen und auch Kriterien der guten Unternehmensführung – die ESG-Kriterien – ist für viele Selbstverständlichkeit.

Wir berücksichtigen das Klimawandel-Risiko schon aus rein rationalen Risiko/Return- Gesichtspunkten.

Thomas Kurtz

Und wie stehen wir zum klimaneutralen Investieren?

Uneingeschränkt positiv, eine Alternative gibt es nicht. Der Klimawandel ist da. Wir berücksichtigen insbesondere die physischen Folgen des Klimawandels, soweit absehbar und wahrscheinlich, bereits für Investments beispielsweise im Bereich Forst und Agrar. Daneben beschäftigen wir uns im Bereich Erneuerbare Energien natürlich auch mit den Gewinnern des Klimawandels. Darüber hinaus entwickeln wir momentan Ansätze, um auch bei Investments in Anleihen und Aktien von Unternehmen Klimaaspekte stärker zu berücksichtigen - wer passt sich wie an, ergreift welche Maßnahmen?

All dies wird zukünftig immer stärkere Auswirkungen auf unsere Investitionsentscheidungen haben. Was heute nicht klar ist: Welche Konsequenzen hat ein klimaneutrales Portfolio für uns? Hier entwickeln wir gerade ein tieferes Verständnis dafür, welche Konsequenzen verschiedene mögliche Klimapfade und die damit verbundenen Szenarien für unsere Kapitalanlage haben werden.

Zahlt sich klimafreundliches Investieren aus?

Ja, wir  müssen schon allein deswegen die Klimarisiken in unseren liquiden Kapitalanlagen, wie Aktien oder Renten stärker berücksichtigen, weil wir Risiken für die Erträge dieser Kapitalanlagen erkennen und entsprechend diese abschätzen müssen, um dann entscheiden zu können, ob der Ertrag eine angemessene Kompensation des Risikos darstellt. Wir berücksichtigen das Klimawandel-Risiko schon aus rein rationalen Risiko/Return-Gesichtspunkten. Überdies übernehmen wir auch gerne gesellschaftliche Verantwortung.

Wie verhält es sich bei den illiquiden Anlagen, wie zum Beispiel Infrastrukturinvestitionen?

Bei den illiquiden Anlagen gehen wir bei einzelnen Projekten noch weiter in die Tiefe, das heißt, wie hoch ist das Risiko einer zunehmenden Überflutung in Küstenregionen oder einer häufigeren Dürre auf Agrar- und Forstinvestitionen. Im besonderen Fokus stehen hier Investitionen in Erneuerbare Energien, wie zum Beispiel Photovoltaikanlagen oder Windturbinen, die per se als klimafreundlich gelten. Der Klimawandel hat auch Einfluss auf Windbewegungen und die Sonneneinstrahlung, die dann unmittelbar unsere Erträge beeinflussen.

Ist es noch attraktiv angesichts einer geringeren Förderung in Erneuerbare Energien zu investieren?

Wir investieren in erneuerbare Energien, wenn wir das Risiko/Return-Profil für attraktiv halten. Und dafür sind Subventionen nicht unbedingt notwendig – beispielsweise ist unser Solarpark in Spanien auch ohne Förderung rentabel! Gleichzeitig berücksichtigen wir natürlich alle Risiken bei unserer Entscheidung, zum Beispiel in Deutschland das Risiko niedriger Strompreise an Tagen mit viel Wind und Sonne. Die Angebotsbedingungen sind mittlerweile in Deutschland nicht mehr attraktiv, die Ankäufe zuletzt waren Photovoltaikanlagen in Spanien oder Windturbinen in Schweden.

Das Besondere an dem Projekt in Spanien ist, dass wir ohne jegliche Förderung zu Marktpreisen grünen Strom erzeugen. Unser Ziel ist es, in den nächsten Jahren auch in anderen Ländern für subventionsfreien grünen Strom zu sorgen und die Energiewende weiter voranzutreiben. Wir haben mittlerweile so viele Anlagen im Portfolio, dass wir mit Strom aus erneuerbaren Energien knapp 700.000 Haushalte versorgen können.

Nachhaltigkeit soll Teil der DNA der MEAG werden.

Thomas Kurtz

In der Regulierungsdiskussion taucht immer häufiger der Begriff des Klimastresstests auf. Haben wir hier schon Erfahrungen gemacht?

Für die Munich Re Gesellschaften in Großbritannien hat die Prudential Regulation Authority, die dortige Aufsicht, einen Klimastresstest für die Kapitalanlagen verlangt. Dieser Test war relativ einfach gestrickt, beispielsweise wurde mit simplen Abschlägen für Aktien und Renten gearbeitet, letztlich ein einfaches Excel-Sheet, das wir ausgefüllt haben. Aber wir erwarten dass wir solche Stresstests sehr wahrscheinlich häufiger sehen werden und die Komplexität der Tests steigen wird. Deshalb tun wir gut daran, uns darauf vorzubereiten, auch im eigenen Interesse, um uns einen Überblick zu verschaffen, wie stark wir den Risiken des Klimawandels ausgesetzt sind. Wir müssen dabei aber auch sehen, dass in den verschiedenen Szenarien viele Annahmen und damit auch Unsicherheiten stecken, sowohl was die regulatorischen Entwicklungen als auch die physikalischen Auswirkungen des Klimawandels angeht. Ob sich hier hochentwickelte Modelle lohnen oder doch einfache Abschläge der effiziente Weg sind, ist noch nicht klar, wir werden uns aber mit dieser Frage eingehend beschäftigen.

Was sind die nächsten Schritte bei der Integration grüner Kriterien bei uns im Portfoliomanagement?

Wir diskutieren, wie wir das Thema Nachhaltigkeit und Klima noch stärker im Portfoliomanagement verankern können. Dabei wollen wir alle Portfoliomanagerinnen und -manager mitnehmen und einen Kulturwandel anstoßen: Wir wollen, dass bei jeder Entscheidung, und zwar ganz selbstverständlich, die Risiken und Chancen im Hinblick auf ESG berücksichtigt werden. Auch und insbesondere im Dialog mit Emittenten. Dafür müssen sich auch Strukturen und Prozesse wandeln. Aktuell sind wir beispielsweise dabei, die ersten Benchmarks für Publikumsfonds auf ESG-Indices umzustellen. Im Verlauf der nächsten Monate wollen wir dann auch die Incentivierung von Portfoliomanagement auf den Prüfstand stellen und überlegen, wie wir ESG-Kriterien stärker in die Ziele einfließen lassen können. Nachhaltigkeit soll Teil der DNA der MEAG werden.

Das Gespräch führte Sabine Palka